Prof. Dr. Wilfried Hendricks, IBI – Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft gGmbH

Lernen und Lehren mit digitalen Medien

Kinder und Jugendliche wachsen heute wie selbstverständlich mit digitalen Medien auf. Anders als viele Erwachsene haben sie i. d. R. keine Schwierigkeiten, sich auf neue Technologien einzustellen und mit ihnen scheinbar mühelos zurechtzukommen. Ihre flinke Beherrschung der Tastatur oder anderer Eingabegeräte und die Anwendung einer medienangemessenen Terminologie dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei jungen Menschen häufig Defizite im sicherheitssensiblen Verhalten oder in der Reflexion über Konsequenzen inadäquater Mediennutzung festzustellen sind (darin unterscheiden sie sich allerdings leider nicht von vielen Älteren).

Das Schlüsselwort für gelingendes Lehren und Lernen mit Unterstützung durch digitale Medien heißt Medienkompetenz. Diese gilt es vom frühen Kindesalter an und mit Hilfe von altersgerechten, didaktisch und gestalterisch gut gemachten Medien zu entwickeln. Dies ist übrigens eine lebensbegleitende Aufgabe bis ins Seniorenalter hinein, da sich die Medien und das Mediennutzungsverhalten ständig wandeln.

Wer Kinder und Jugendliche auf ihrem Bildungsweg optimal fördern und die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit unterstützen will, muss heutzutage digitale Werkzeuge und Medien anbieten können. Allerdings – und hier liegt die pädagogische Aufgabe in Schule und Elternhaus – brauchen junge Menschen Beratung und Begleitung, wenn sie sich auf ihre je individuellen „Bildungsreisen“ begeben. Jedoch sind bei Eltern und in der Lehrerschaft weder die vielfältigen Angebote am Bildungsmarkt noch das Wirkungspotenzial der Bildungsmedien in  wünschenswertem Umfang bekannt.

Über die besonderen Vorteile digitaler Medien besteht unter Fachleuten seit langem Konsens:

* Kooperative Lernformen werden unterstützt: Z. B. geben die arbeitsteiligen Recherchen im Netz, das Zusammentragen der Erkenntnisse auf einer Plattform und die Gestaltung einer Präsentation auf der Basis eines gemeinsam erarbeiteten Konzepts den Gruppenmitgliedern die Möglichkeit, sich mit ihren Stärken einzubringen, individuell erarbeitete Lösungsansätze mit den Überlegungen und Ergebnissen anderer abzugleichen, Schwächen in gemeinsamer Aktion durch die Lernenden zu beheben.

* Kinder und Jugendliche können sich inhaltlich und themenbezogen oder aus sozialem Interesse untereinander und über die Klassen- oder Schulgrenzen hinaus im Netz austauschen sowie mit ihren Lehrerinnen und Lehrern kommunizieren. Dies kann durch eine schulinterne Kommunikationsplattform erleichtert werden. Bildungsmedien bieten häufig entsprechende technische Möglichkeiten zum Austausch.  

* Lernen als ein offener Prozess kann mit digitalen Bildungsmedien besser gestaltet werden als mit konventionellen, denn sie können individualisiertes und differenzierendes, selbsttätiges, forschendes und kooperatives Lernen unterstützen.

* Lernwege können bei der Verwendung von digitalen Medien dokumentiert und nachvollzogen werden, so dass sie z. B. als Grundlage eines Beratungsgesprächs mit Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrern dienen. Dies wird erleichtert, sofern die Präsentation von Arbeitsergebnissen aus dem Medium heraus zu Rückmeldungen für die lernbegleitenden Personen führt.

* Mit Freude und Spaß lernen zu können, ist mit digitalen Medien leichter möglich, zumal dann, wenn sie nutzerfreundlich und interaktiv gestaltet sind, wenn sie zielgruppenorientiert und variabel die Lerninteressen oder die Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen berücksichtigen und wenn begleitende (Lern-)Spiele thematisch eingebunden und kreativ und altersgerecht gestaltet sind.  

* Allerdings muss bedacht werden, dass die genannten positiven Effekte, die wir den digitalen Medien zuschreiben, an bestimmte Voraussetzungen gebunden sind oder Konsequenzen haben, die in Schule und Elternhaus bedacht werden sollten:

* Die Wirkung digitaler Medien hängt nicht nur von didaktischen und mediengestalterischen Komponenten ab, sondern auch vom pädagogischen Anwendungsszenario und von den Voraussetzungen auf der Seite der Lernenden, wie z. B. Lerndisziplin und Selbstlernfähigkeit.

* Unter dem Aspekt der Lernbegleitung erfordern die neuen Medien ein verändertes Rollenverhalten bei Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrer.

* Für die Lehrerschaft geben Medienvielfalt und Mehrmediensysteme neue, effektivere Möglichkeiten zur professionellen Vorbereitung, Gestaltung und Nachbereitung des Unterrichts. Die durch die digitalen Medien erleichterte Differenzierung und Individualisierung im Unterricht führt allerdings auch zu einer komplexeren und differenzierteren Fülle an Lernergebnissen, wodurch bei den Lehrerinnen und Lehrern der Auswertungsaufwand steigen kann.

* Die modernen Kommunikationstechnologien erweitern in einer früher undenkbaren Weise die jederzeitige Erreichbarkeit der Adressaten. Dadurch kann eine hohe Kommunikationsintensität entstehen, die kaum zu bewältigen ist, wenn nicht neue Formen der Kontaktpflege vereinbart werden – im Übrigen auch ein Moment von Medienkompetenz. Die ubiquitäre Erreichbarkeit führt zu inakzeptablen Grenzüberschreitungen, wenn die Individualsphären nicht respektiert werden. Dies müssen Kinder und Jugendliche sowie ihre Eltern und Lehrerinnen oder Lehrer beherzigen.

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